MUSIKALISCHER JAHRESRÜCKBLICK 2016

Guten Morgen,

ich finde das Leben grundsätzlich sehr interessant, spannend und schön. Da freut es mich doch, wenn es sich dann auch mal entsprechend verhält. 2016 war das der Fall, nicht nur musikalisch passierte mehr als sonst, auch in meinem Leben und – last but not least! – in der Welt. Wobei, da passiert eigentlich immer viel. Eigentlich passiert immer ganz schön viel! Wahnsinn.

Um dem diesjährigen sehr langen Jahresrückblick einen inhaltlichen Schwerpunkt zu verleihen, ja, um nicht den Überblick zu verlieren bei soviel Großartigkeit, möchte ich meine alte Leidenschaft für GENDER STUDIES wieder ausgraben und meine Lieblingsalben unter dem Gesichtspunkt von MÄNNLICHKEIT untersuchen. Da staunt ihr, da staune ich, da staunen wir alle, denn Staunen ist was Schönes, wer nicht mehr staunt, leidet, sage ich.

Fangen wir mit meinem diesjährigen Lieblingsmusikvideo an, PUP erzählen mit „Sleep in the Heat“ die traurige Geschichte vom Tod eines geliebten Reptils, nämlich dem des Sängers der Band. Im Musikvideo handelt es sich jedoch um die nicht minder traurige Geschichte eines Jungen und seines Hundes. Männer und Tiere!, möchte man ausrufen. Doch geht es ja nicht nur um Tiere, sondern auch um Jungen- und Männerfreundschaft, und da kann ich als Mitglied einer Männerband ein Lied von singen (um Himmels Willen, hoffentlich tue ich das nie). Jedenfalls musste ich fast weinen:

Nun aber zu den ohne Zweifel besten Alben des Jahres.

Eternal Champion – The Armor Of Ire

Als ich den Titelsong dieses Albums zum ersten Mal hörte, war ich sofort hin und weg: Sowas hätte ich – in anderer Instrumentierung – eher in einer 80er-New-Romantic-Disco erwartet als auf einem Album mit diesem – nun ja – dezent problematischen Cover. Das Lied ist simpel, ungemein tanzbar und zu gleichen Teilen kraftvoll wie melancholisch, es hat also alles, was es braucht, damit ich eine Erektion bekomme. Zwei Monate musste ich warten, bis ich es endlich in voller Pracht auf dem Album hören konnte, und auch die anderen Lieder entwickelten sich schnell zu Lieblingsliedern, allen voran die schwermütige Ballade „Invoker“, in der es darum geht, dass ein trauriger Mann Dämonen erweckt, weil er, nun ja, traurig ist. Wie das Männer eben so machen. Herrlich!

Turbostaat – Abalonia

Angeblich erzählt „Abalonia“ eine durchgehende Geschichte. Ich bin da noch nicht hinter gestiegen, so verschissen kryptisch tut „Abalonia“ das. Aber egal, ich bin ja auch kein richtiger Musikjournalist. Was ich höre: das wohl beste Post-Punk-Album der letzten 20 Jahre oder so, mit Texten, die – zumindest für mein Gehirn – alles richtig machen: Es bleibt politisch, weil es heuer politisch und auch explizit politisch bleiben muss („Die Arschgesichter“, „Der Zeuge“), und es kann aber nur dann politisch bleiben, wenn das Politische im Privaten erfahrbar wird, z.B. in „Wolter“, das so schön wie traurig einfach mal die (un-)spektakuläre Geschichte eines Mannes erzählt, der die Schnauze voll hatte:

Of The Wand & The Moon – I Called Your Name
Of The Wand & The Moon – Tunes For A Twilight – Tears For A Nighttime/Lifetime

Kim Larsen (der weniger bekannte) schreibt seit beinahe 20 Jahren immer wieder das gleiche Lied, und zwar das über die große unglückliche Liebe eines einsamen Mannes. Die neueste Version davon heißt „I Called Your Name“ und schafft es schon wieder, mich völlig fertig zu machen. Dazu die beiden „Tunes“-Tapes mit alternativen, intimeren Versionen alter Lieder, ein bisschen Alkohol, und schon wird aus der Nacht ein großer Spaß. Ein wahrer Künstler, ein Botschafter der Liebe und des Lebens, ein Mann, der verstanden hat, dass es nicht vieler Worte oder Töne bedarf, um viel auszusagen.

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FASSEN WIR ZUSAMMEN: Wehmut und Liebe, Pathos und Rumgeheule scheinen für Männer, die zufällig ich sind, sehr wichtig zu sein. Doch hat Männlichkeit noch weitere Facetten? MAL GUCKEN:
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Nocte Obducta – Mogontiacum (Nachdem die Nacht herabgesunken…)

Die Black-Metal-Band Nocte Obducta fällt seit jeher durch Verschrobenheit, musikalische Abwechslung, Alkoholismus und wunderschöne Covergestaltung auf. Letzteres hat man bei diesem Meisterwerk leider vergessen, der Rest ist vorhanden: Selten hat mich ein Album ehemaliger Jugendhelden so begeistert, denn es klingt sowohl anders als auch vertraut, durchgeknallt und eingängig, und es fügt den oben genannten Merkmalen ein weiteres hinzu: Humor. Auf ihrem zweiten Album „Taverne (Im Schatten schäbiger Spelunken)“ posieren Nocte Obducta z.B. im Booklet mit Ananas und Dosenbier, und hier heißt es „Ein Ouzo auf den Nordwind“. Na dann, Prost.

Borknagar – Winter Thrice

Die nächsten Jugendhelden, und wieder alte Männer. 1997 habe ich meine Eltern wochenlang mit „The Olden Domain“ terrorisiert, denn ich war fest davon überzeugt, dass sie es genau so lieben würden wie ich, schließlich war ich ein sensibler nachdenklicher Heranwachsender mit einem hervorragenden Musikgeschmack! Nun, fast 20 Jahre später, kommen Borknagar mit einem Werk um die Ecke, das nicht nur Gastbeiträge des damaligen Sängers enthält, sondern auch in der Melodieführung endlich wieder beherzigt, dass es bei der leidenschaftlichen (und, nun ja, sinnlosen) Verehrung roher Naturgewalt nicht auf größtmögliche Progressivität, sondern auf den größtmöglichen Faustschwing- und Bedeutungsschwanger-in-den-Himmel-gucken-Faktor ankommt.

True Moon – True Moon

Die Faust aus Inbrust in die Luft recken kann man nicht nur mit Heavy Metal. Das geht auch mit Post-Punk! Man höre nur „Sugar“, den vierten Song dieses unglaublich guten Debüt-Albums, und man tue dies laut und mit großen Gefühlen im Herzen – schon muss man die Faust in die Luft recken! Oder weinen. Oder beides! True Moon singen aus einer weiblichen Perspektive über den täglichen Kampf um Leben und Überleben in einer feindlich gesinnten Welt. Das berührt mich sehr, und deshalb freue ich mich darüber, dass ich die Texte der Sängerin (die ansonsten auch bei Vanna Inget aktiv ist, wo sie ähnlich hymnische, aber etwas weniger düstere Lieder singt) hier verstehen kann, denn sie sind auf Englisch.

Panphage – Drengskapr

Und wieder ein Album, das Erinnerungen an die Jugendzeit hervorruft: das Ein-Mann-Projekt Panphage klingt, sieht aus und fühlt sich an wie die allererste Borknagar (1996): ein schäbbiges, aber wunderschönes Naturfoto, ein unfassbares Bandlogo, ein Klang wie ein kaputter Staubsauger, Gekreische, Gerotze und plötzliches Gesinge (der Ausbruch in „Utlagr“ ist Euphorie pur), eine wilde, ursprüngliche Mischung aus Epik und Dreck – „Drengskapr“ ist so ziemlich das perfekte Black-Metal-Album. Die Melodien sind so lieblich, dass man heulen möchte, aber dann fällt einem ein, dass man dafür gar keine Zeit hat, steht doch bereits die nächste blutrünstige Kaperfahrt (5 von 7 Liedern werden mit Meeresrauschen ein- und ausgeleitet!) auf dem Plan. Ach, herrlich, so ein wilder Kerl zu sein! Warum hören Männer sowas? Ich kann nur für mich sprechen, und ich spreche für mich, wenn ich sage, dass das natürlich Eskapismus ist, raus aus der Stadt mit ihren ganzen blöden Leistungsansprüchen, raus aufs Meer mit seinem Wasser und Wind. Ganz schön erbärmlich, aber ich hab halt kein Geld für ein eigenes Schiff!

AJJ – The Bible 2

Dazu ist hier schon vieles gesagt worden. Ein herrlich kathartisches Pop-Album, wie auch schon sein Vorgänger. „I lost it when I learned about the tragedy of all of us.“ Großartig, genau wie dieses Video, an dem wir hervorragend das Phänomen „das Kind im Manne“ studieren können:

Naive – Naive

Wenn man selber eine Band hat, lernt man allerlei interessante und gute Menschen kennen, und ich glaube, die Damen und Herren von der Post-Punk-Band Naive sind da ein besonders glücklicher Zufall gewesen. Wir hatten die Ehre, gemeinsam mit ihnen den Release dieses Albums feiern zu dürfen (und ich habe die erste Platte gekauft, glaube ich!). Aber auch ohne diese persönliche Beziehung ist die Band was besonderes: minimalistisches und unglaublich effektives Songwriting und eine weibliche Stimme, die ihresgleichen sucht (und mittlerweile sogar noch besser geworden ist). Die Songs wachsen mit jedem Durchlauf, sie gingen mir wochenlang nicht aus den Ohren, mit den Texten kann ich mich auch identifizieren, was will man mehr? Ne zweite Platte natürlich. Her damit!

Ulf – Vier gute Lieder

Selten begeistert mich neuer deutschsprachiger Punk so sehr wie auf dieser EP. (Mehr darüber hier). Was war es für eine Freude, die neulich live zu sehen und mit ihnen die Bühne zu teilen! Großartige und große Typen, gestandene Männer, die sich die Seele aus dem Leib spielen und singen und hinterher mit uns zu 80er-Hymnen leichtfüßig die Hüften schwingen lassen. Herrlich!

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Das war also die TOP TEN! Was verrät sie uns über unser Thema MÄNNLICHKEIT? Die Palette wurde ergänzt durch Humor, Punk usw., weiter ging es mit Demonstrationen von Wildheit und Eskapismus. Aber auch Leichtigkeit war Thema, denn das Leben ist ja nicht immer nur Kämpfen und Grübeln für den Mann! Manchmal will er auch feiern. So weit, so gut. Zwei weiblich dominierte Bands waren dabei, was den Schluss nahelegt, dass die dort verarbeiteten Themen, insbesondere (allgemein gesprochen) Ausgrenzungserfahrungen, auch Männer betreffen können. Weitere Kernthemen: Nostalgie und die Beschäftigung mit der eigenen Biografie. Schauen wir mal, wie es weitergeht!
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Erstmal geht es weiter mit INNEHALTEN. Die Welt ist voller Krieg. Das ist sie nicht erst seit gestern. Ein erbarmungsloses Zeugnis des Krieges z.B. ist der sowjetische Film „Komm und sieh“, den sich nicht anschauen sollte, wer schön träumen möchte. Ausschnitte daraus hat Kim Larsen verfremdet und mit einem Lied seines Projekt Les Chasseurs de la Nuit verknüpft. Das ist sehr verstörend und beeindruckend:

Ein weiteres Video, das mich sehr begeistert hat, ohne das mich das dazugehörige Album überzeugen konnte, ist „Wave Goodnight To Me“ von Jeff Rosenstock. Eine Ode an das bescheuerte Gefühl, dass einen irgendwie alle scheiße finden, obwohl das doch bestimmt nur auf höchstens die Hälfte der Leute zutrifft:

Weiter mit den besten Alben:

We The Heathens – The Blood Behind The Dam

Ich habe keine Ahnung, wie das Thema „Geschlecht“ in der Crust-Punk-Szene so verhandelt wird; instrumental haben wir hier jedenfalls eine typische Geschlechterverteilung (die Frau bedient die Geige, die Männer die anderen Saiteninstrumente), aber textlich geht es häufig nur darum, dass man viel trinkt, weil die Welt so schlecht ist und bald (endlich!) untergeht. Und außerdem sind die anderen, also die bürgerlich lebenden Menschen, alle doof. Wenn das auf dem nächsten Album auch noch so ist, wird die Gruppe langsam langweilig, aber hier funktioniert es noch ganz ausgezeichnet und hat mich über viele Wochen sehr erfreut. Liegt vermutlich daran, dass Folk-Melodien auf mich einfach eine sehr hoffnungsvolle, wärmende Wirkung haben, und daran, dass ich halt auch manchmal verzweifelt bin. Wenn Männer verzweifelt sind, schreien sie ja auch gelegentlich, und das hören wir hier ganz gut.

Alte Sau – To Be As Livin‘

Dass ein Mann wie Jens Rachut, der ja erst mit Mitte dreißig als Punk-Sänger bekannt geworden ist, jenseits der 60 immer noch so aktiv und gut ist und seinem Lebenswerk immer nochmal einen oben drauf setzt, macht mir sehr viel Mut und Freude. Das erste Alte-Sau-Album fand ich noch eher durchwachsen, aber „To Be As Livin‘“ hat alles: stark verbessertes Songwriting (mehr Abwechslung, mehr Rhythmus, mehr Melodie) und Rachut-Texte in Hochform (allen voran das herrlich skurrile „Zackenbarsch“).

Amygdala – Population Control

Eine weitere Band, deren zentrales Thema eine weibliche Erfahrungswelt ist. Die Sängerin von Amygdala geht dabei – der Bandname verrät es – an die ganz finsteren Themen ran. Das ist schmerzhaft anzuhören, die großartige musikalische Umsetzung jedoch drückt enorm viel Kraft und Lebenswillen aus, und das ist es, was mich an „Population Control“ letztlich so begeistert: dass hier jemand etwas ungemein schmerzhaftes verarbeitet oder evtl. sogar überwunden hat. „Population Control“ ist ein schwieriges und großartiges Hardcore-Album gegen das Patriarchat.

Scissorbills – Than Thou

Mit am besten an Blackbird Raum gefällt mir ja Caspians Stimme. Als ich erfuhr, dass es ein Solo-Album von ihm gibt, war ich also ganz aus dem Häuschen! Es enttäuscht mich nicht: Zwar singt Caspian hier etwas anders als bei seiner Band, aber das muss so, denn das ist Country-Musik, und Lieder wie „The World“ (mit einem Text und einer Harmonie, die den romantischen Außenseiter in mir liebkosen, dass es nur so kracht) oder „The Surf“ sind von einer ganz wunderbaren, zeitlosen Schönheit und Melancholie, dass sie mir auch ohne Blackbird Raum zu kennen gefallen würden.

Rome – Coriolan
Rome – The Hyperion Machine

Was bin ich froh, dass Jerome Reuter zwei Veröffentlichungen gemacht hat dieses Jahr. Auf dem eigentlichen Album, „The Hyperion Machine“, sitzt er an einer Art Schreibtisch, und um ihn herum sind lauter sinnlose Farbkleckse. Für ein Projekt, das derart ambitionierte Musik macht und bisher immer unfassbar schönes Cover-Artwork hervorgebracht hat, ist das wirklich eine Frechheit. Na ja. Das Album selber ist eine Art Werkschau mit neuen Liedern, die von allem zeugen, was Rome so auszeichnet: extrem melancholischer Folk-Pop mit historischen und literarischen Bezügen aller Art. Die EP „Coriolan“ gefällt mir aber auch musikalisch besser, da ist sogar ein Post-Punk-Song drauf. Natürlich verlässt Reuter dadurch seine Pose des sehr männlichen nachdenklichen Poeten nicht, variiert sie aber in ihren Facetten immer wieder neu, und das ist doch schön.

Moonsorrow – Jumalten Aika

15minütige Lieder aus zwei Riffs zu schreiben, die nicht langweilig werden, ist nicht so leicht. Moonsorrow schaffen das spielend. Es dauert halt ein bisschen, alle Christen abzuschlachten. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass die Texte davon handeln, dass wackere Heiden alle Christen abschlachten. Wenn nicht, auch nicht schlimm. Eigentlich bin ich ganz froh, dass ich die Texte nicht verstehe. Emotional wirkt dieses Werk auf mich unglaublich motivierend und euphorisierend; dann gehe ich in den Wald zu meinen Trollfreunden und wir ziehen los, um alle Christen abzuschlachten. Man beachte auch das unglaublich gut gemachte Video zu „Suden Tunti“, ein Trickfilm über die Domestizierung des Mannes durch die moderne Welt (glaube ich!). Am Ende gewinnt das Tier in ihm. Oder so ähnlich, denn er liegt ja noch am Boden. Hm. Ist er tot? Wer war eigentlich der Typ mit dem Helm und dem Schwert? Wieso haben die Zwerge Glatzen? Und sind die jetzt böse oder gut? So viele Fragen:

Einherjer – Dragons Of The North XX

Einherjer kenne ich auch schon seit meiner Jugend, aber „Dragons Of The North“, ihr Debüt-Album, hatte ich nie. Zum Glück! Denn jetzt haben sie es komplett neu eingespielt, und es ist so unfassbar gut. Dass Wikinger soviel Groove haben können, ist schon erstaunlich. Sowieso, Wikinger! NORDMÄNNER! Eigentlich interessiere ich mich kaum für das Thema, aber Wikinger-Metal ist einfach geil. Ich tippe mal, das liegt daran, dass ich voll der Schwächling bin, der so ein Schwert niemals auch nur eine Minute lang geschwungen bekäme, und Kontraste mag ich ja. Außerdem verbreitet Wikinger-Metal ein archaisches Bild von Männlichkeit, das natürlich 1. reaktionär ist, 2. aber andererseits auch so reaktionär, dass es noch hinter das vorherrschende reaktionäre Bild von Männlichkeit (den autopflegenden Mario-Barth-Proll z.B.) zurückfällt. Und es vielleicht abschlachtet! Wär das was? Natürlich nicht. Ich glaube, ich muss dringend ein Bier trinken.

Pisse – Kohlrübenwinter

Heute ein Kind – morgen ein Schwein! Ich bin aber doch gar kein Schwein geworden? Glaube ich zumindest. Immerhin höre ich immer noch die gleiche Musik wie damals, ha! Pisse funktioniert als Gesamtkonzept, Texte, Artwork, Musik, alles. Wenige Worte, große Gefühle: „Aber ich will dein / Fahrradsattel sein“. Die männliche Angst vor dem Zukurzkommen, die männliche Sehnsucht nach Liebe und Sex. Richtig geil. Männer sind ja selten Freunde vieler Worte, fällt mir dabei ein. Außer sie sind Schriftsteller, Philosophen oder Politiker. Hm.

Ein gutes Pferd – Zwischen den Zeilen ist noch Platz

Auch wenn die Produktion hinter der der letztjährigen EP zurückfällt und Cover und Titel mir nichts geben: Diese Platte ist spitze. Sänger Aaron kann richtig geile, treffende Texte schreiben, seine Stimme schrammt immer so gerade an der Nervigkeit vorbei, und die Musik ist einfach perfekt auf den Punkt und macht süchtig. Ein großer Wurf, der der Band ja jetzt schon eine Menge cooler Termine eingebracht hat. „Die Menschen und ihre Grätzigkeit, Ihre Anträge und endlosen Formulare / Soviel Müll hab´ ich im Leben noch nicht gesehen / Der ganze Schrott, Ihre Kinderwagen und Helikopter / Ihre Fernseher und Hinweisschilder / MÄNNER AN SICH und Zuckerrohrschnaps“!

Chefdenker – Eigenuran

Chefdenker! Mehr Männlichkeit, mehr Geschlechterforschung geht nicht. Die Band hat sich früher der Oberkörperfreidiskussion clever entzogen, indem sie einfach auch unterkörperfrei aufgetreten ist, was man ja nun beim besten Willen nicht als „männliches Privileg“ bezeichnen kann. Und dann gab es mit „Facetten der Liebe“ damals ein Lied, das das sexistische Gewaltverhältnis zwischen Männern und Frauen derart treffend in Worte gefasst hat, dass die Band deswegen Auftrittsverbote erhielt. Auf „Eingenuran“, zu großen Teilen ein Konzeptalbum über Dosenbier, geht es hingegen hauptsächlich ums Saufen – eine typische Männerkrankheit. Aber auch „Der Mann, der sich ungern bewegt“ wird thematisiert, außerdem Chris Howland, die Einsamkeit des alkoholkranken LKW-Fahrers Manni und das große Gefühl des Hasses. Und noch mehr! Das überwältigende, dem härtesten Kerl die Tränen in die Augen treibende Finale verrate ich jetzt lieber nicht, aber das war die sechs Jahre Wartezeit auf jeden Fall wert.

Drunk Motorcycle Boy – Try

Eine Band wie Drunk Motorcycle Boy, die nicht nur im Namen totale Männlichkeit reproduziert, sondern auch in der Musik (durch fette Gitarren) und nicht zuletzt in den Texten (durch die Beschäftigung mit dem beliebten Thema „Midlife Crisis“ z.B.), darf hier nicht fehlen. Außerdem ist das Album einfach saugut. Von Beginn an wird dem Publikum vermittelt, dass es scheißegal ist, was alles scheiße läuft im Leben, man kann immer noch was reißen, irgendwie. Durchhalteparolen, okay, aber die funktionieren in den besten Familien, warum also nicht auch bei mir?

Düsenjäger – Treibsand

So eine starke Platte habe ich Düsenjäger nicht mehr zugetraut. Schon die ersten paar Minuten bringen eines dieser Riffs, das zwar immer gleich klingt, aber auch immer wieder neu einen Stich versetzen kann. Und so geht’s weiter bis zum Schluss, wobei mit „Jauchetaucher“ sogar ein bisschen was neues ausprobiert wird (und mir gefällt’s!). Mittlerweile störe ich mich zwar ein wenig an Tobi Neumanns Gesang bzw. dem Kontrast zwischen bedeutungsschwangeren Gestus und hin und wieder ganz schön banalen Texten, aber passt schon! Hier die ersten paar Minuten und der Rest in einem schönen Video, das mich besonders deshalb gefreut hat, weil in diesem Studio auch meine Band ihr Album aufgenommen hat:

Dark Forest – Beyond The Veil

Hier haben wir es wohl eindeutig mit dem Cover des Jahres zu tun. Dieser alles andere als dunkle Wald lädt zum Schwofen ein, wie wir Rheinländer sagen. „Celtic Folk Metal“, ach herrje, das findet ihr alle scheiße, ich weiß, aber egal, ich mag es, wenn Männer sich lächerliche Kostüme anziehen und Humpen schwingend um Feuer tanzen!

PUP – The Dream Is Over

The Weakerthans in laut, schön, dass ich durch das eingangs erwähnte Video auf diese sympathische Band aufmerksam gemacht wurde. Man kann ja nicht immer nur Metal hören, man muss auch mal anders sein Bedürfnis nach Romantik befriedigen.

Saligia – The New Innocence

Für lächerliche 777 Euro kann man sich den Download dieses Albums auf bandcamp kaufen (wenn man keine Platte dazu will). Das ist doch mal kundenfreundlich! Auch sonst sind diese Herren irgendwie, irgendwo, irgendwann auf irgendwas hängengeblieben. Was ich sehr sympathisch finde! „Emoviolence“ gibt mir ja nun nicht oft was, aber Saligia haben jahrhundertelange Erfahrung in diesem Genre und versuchen endlich, echte Melodien und Strukturen in ihren Krach einzubauen. Das ist löblich, das ist sehr gut! Interessant sind auch die Texte: Es geht darum, dass alles, wirklich alles, scheiße ist. Ich kann das nicht unterschreiben, ich finde das verkehrt, denn so eine Denkweise macht krank. Aber interessant ist es allemal. Wie kommt man bloß auf sowas?

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Puh, 25 Alben und wir sind immer noch nicht fertig. Was lernen wir daraus? Worüber habe ich eigentlich die ganze Zeit geschrieben? Genau: DIE DEUTSCHE ROMANTIK! Ich höre ja beinahe ausschließlich reaktionäre, romantische Musik. Das sollte mir zu denken geben, schließlich bin ich Kommunist und der Ratio verpflichtet. Aber man kann halt nicht aus seiner Haut, hm? Nur darüber reflektieren, wie die Haut so aussieht (Neurodermitis, Pickel) und wie es dazu kommen konnte (zu wenig Pflege, Stress), das kann man tun! Man kann auch selber Musik machen, das hilft. Dass ein Label wie Kidnap Music unser Debütalbum veröffentlicht hat, finde ich immer noch ganz wundervoll. Da geht es übrigens auch ziemlich viel um „Gefühl, Leidenschaft, Individualität und individuelles Erleben sowie Seele, vor allem die gequälte Seele“ (Wikipedia zur „Deutschen Romantik“). Liegt vielleicht daran, dass die gequälte Seele eins der eindringlichsten Symptome einer Gesellschaftsordnung ist, die aus Menschen Arbeitskraftbehälter macht. Dann schließt man sich schonmal ein in seiner Festung und sieht vielleicht so aus:

War 2016 also musikalisch alles töfte? Nein. Einige berühmte Leute sind gestorben, ein weniger berühmter leider auch: Erik Petersen. Das beklemmende Gefühl, zusammen mit einem lieben Freund und Eriks deutschen Labelchef anlässlich seines Todes ein Bier zu trinken, war ein ziemlich intensives, surreales Erlebnis. Und der anschließende Gang zum Konzert einer malaysischen Queercore-Band namens „Shh… Diam“ in einem besetzten Areal nahe des Weserstadions aber auch. Licht und Schatten liegen oft nah beieinander, aber das ist es ja nun, was dieses Leben so spannend macht, nicht wahr. Weiteres zum diesjährigen Re-Release von „Smash The Windows“ und zum Tode Erik Petersens hier.

Weitermachen!

Nachträge:
The Furrow Collective – Wild Hog
Shirley Collins – Lodestar
Wolcensmen – Songs from the Fyrgen
Voodoo Jürgens – Ansa woarn
Woman Is The Earth – Torch Of Our Final Night
Schreng Schreng & La La – Echtholzstandby
Wedrujacy Wiatr – O turniach, jeziorach i nocnych szlakach


1 Antwort auf „MUSIKALISCHER JAHRESRÜCKBLICK 2016“


  1. 1 Günter 30. Dezember 2016 um 18:10 Uhr

    Glückwunsch! Sprachlich und inhaltlich merkt man doch gleich woher der Wind weht: von Kennerseite. Das zu lesen bietet einen Zugang zur Szene, unterhaltsam und informativ. Denke noch gerne an Cassiopeia.

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