Zur Schließung des „Salon Fink“ und einer typischen Reaktion darauf

An merkwürdigen Texten über die Dortmunder Nordstadt mangelt es ja nun nicht, aber anlässlich der wirtschaftlich bedingten Schließung des „Salon Fink“ auf dem Nordmarkt sind in letzter Zeit nochmal zwei hinzugekommen, von denen ich einen aktuellen so ärgerlich finde, dass ich ihn mal ausführlicher kritisieren möchte: http://www.derwesten.de/staedte/dortmund/wie-sich-der-nordmarkt-im-november-2016-anfuehlt-id12390255.html

Immerhin ist Felix Guth (sic!) so anständig, seine Perspektive kundzutun, die eines Menschen aus einer Welt nämlich, die von der des Nordmarkts ungefähr so weit entfernt ist wie der Mond, und der deshalb Angst davor hat: „Angereist aus einem behüteten Teil dieser Stadt. Zugleich fasziniert von der ungeheuren Verdichtung sozialer Milieus in der Nordstadt, von der Dynamik. Und überfordert damit, dass das auch unangenehme Folgen haben kann. Es ist die Perspektive derjenigen, die wieder wegfahren von hier in eine illusorische Sicherheit. Nicht die derjenigen, die hier ihre Existenz haben. Was ich an diesem Novemberabend sehe: Menschen, viel mehr Menschen als an den meisten anderen Orten der Stadt. Was sie genau tun, ist nicht zu erkennen. Aus der Distanz sieht es nicht aus wie etwas Verbotenes. Aber auch nicht wie etwas, bei dem man unbedingt dabei sein möchte oder sollte. Vor Cafs und Hauseingängen stehen Menschengruppen. Aus dem dunklen Park lärmt es. Jugendliche jagen sich zum Spaß, Geschrei-Fetzen künden von einem Streit. Ein normaler Abend.“

Man muss sich das mal vorstellen: Da sitzt ein gut verdienender „Journalist“ in seinem Auto und traut sich nicht raus, weil um ihn herum lauter Menschen sind. Die sogar Geräusche machen. Wahnsinn! Wie hält dieser Mann es bloß in der Fußgängerzone aus? Na, egal, es geht ja um den Nordmarkt, diese andere, fremde Welt: „In den Sommermonaten sei es noch voller, sagen die Menschen hinter der Glasfassade des 2008 eröffneten Gastronomie-Pavillons. Unerträglich voll.“ Der Nordmarkt wird hier – objektiv betrachtet – als Erfolgsmodell beschrieben, als öffentlicher Ort, der von Menschen gerne und viel genutzt wird. Für Menschen wie Guth und das Stammpublikum des „Fink“ ein „unerträglicher“ Zustand. Irgendwie irre. Aber was genau ist eigentlich unerträglich?

„Es ist, so wird es in Gesprächen mit Kati Eilinghoff und anderen langjährigen Begleitern des Salon Fink deutlich, nicht das eine große Ereignis, das den Rückzug ausgelöst hat. Sondern die Summe vieler kleiner Ärgerlichkeiten. Von Pfefferspray auf dem Weg zur Arbeit, rund um die Uhr lärmenden Menschen. Kontrolllosen Kindern, die belästigen und stehlen, weil sie es nicht besser kennen.“

Frau Eilinghoff verbringt selbstverständlich mehr Zeit auf dem Nordmarkt als ich. Ich möchte diesem Potpourri an Gräueln trotzdem etwas entgegensetzen: Ich bin oft zu Fuß in der Nordstadt unterwegs, ich gehe viel ins Kino, zu Freunden, zum Bahnhof u.v.m., und immer gehe ich dabei über den Nordmarkt, denn er liegt auf dem Weg, und ich mag die Architektur des Platzes, der auf mich wie eine einzigartige innerstädtische Oase wirkt. Pro Woche gehe ich etwa sechs Mal darüber – auch mal nachts –, das macht über 1000 Mal allein in den letzten vier Jahren. Meistens freut mich der Anblick der Familien mit ihren fröhlich spielenden Kindern (die offensichtlich wenig erzogen sind, ja, aber was geht mich das an? An anderer Stelle beklagt man sich über Helikopter-Eltern und Kinder, die nur noch vor Bildschirmen sitzen, und hier spielen Kinder den ganzen Tag Fußball mit Dosen, und das soll dann auch wieder verkehrt sein?); ich genieße die Lebendigkeit dieses Ortes. Ja, oft habe ich Mitleid mit vereinzelten Prostituierten und den alteingesessenen Alkoholikern. Und mit dem „Fink“, denn da sitzt meistens Frau Eilinghoff vor und langweilt sich. Aber noch nie, nicht ein einziges Mal, hat mich irgendjemand belästigt. Einmal ist es vorgekommen, dass ein Kind mich gefragt hat, ob es meine Pizza haben kann, denn es habe Hunger. Das war’s.

Aber weiter im Text, jetzt wird es ein bisschen helle:

„Die mit verschiedenen öffentlichen Programmen aufgehübschte Grünfläche, so schrieb es vor vier Jahren „Die Zeit“, erinnere an die Parks in Paris. Das ist gar nicht einmal ganz übertrieben und könnte doch falscher kaum sein. Hier flanieren die Menschen nicht. Hier fristen sie ihr Dasein. In dem der Alltag auch daraus besteht, an der Straße auf Arbeit zu warten, geheimen Geschäften nachzugehen oder den trostlosen Tag mit hartem Alkohol, aber zumindest nicht allein zu verbringen.“

Zwar wird auch hier wieder das Positive einfach ausgeblendet – Familien, die den Park und den Spielplatz als Aufenthaltsort nutzen, als das, wozu er nun einmal gedacht ist! –, aber das Beschriebene gibt es ja tatsächlich. Und warum? Im Kapitalismus ist Armut notwendig, systemimmanent, unangenehme Realität – Realität, die sich ihre Räume sucht. Man könnte sich mal Gedanken darüber machen, warum das so ist, wie Armut entsteht, was sie mit Menschen macht. Davon will Guth aber nichts wissen, er will sich nur ekeln, abschotten, ratlos und mit gnadenlos negativer Brille das Elend betrachten, ja, sich von ihm persönlich angegriffen fühlen: „Zwischen „Cafe Europa“, Schleswiger Straße und der“Malli“ sind die Abgründe Alltag. Der jetzt auch diejenigen in die Knie gezwungen hat, die sich jahrelang dafür eingesetzt haben, dass es hier ein Gegengewicht zu sozialen Problemen, Einsamkeit und Ziellosigkeit gibt.“ Dass Lokale wie das „Fink“, das sein ganzes Konzept (mit Tatort-Rudelgucken, Bingo-Abenden, Indie Rock und teurem Bier) auf typisch deutsche Normkultur ausgerichtet hat, hier zum „Gegengewicht“ zu Armut und Elend erklärt wird, ist natürlich so lächerlich, dass es kracht. Aber es ist auch symptomatisch: Leuten wie Guth fällt zu Armut nur die Bedrohung der eigenen Existenz ein, nicht einmal für Mitgefühl ist da noch Platz. Sie sind deutsche Spießer, die ihre Ruhe haben wollen:

„Drinnen beginnt der Konzertabend, die Wirklichkeit bleibt draußen. Das war vielleicht das, was den Salon Fink über die Jahre so beliebt gemacht hat. Eine Blase des Wohlfühlens. Gemeinschaft und Wärme hinter der Glastür, der vermeintliche Angstraum davor. Das Signal, das nach draußen strahlt: Hier passiert etwas Gutes, bekämpft es nicht.“

Wir sind die Guten, ihr die Bösen, die „Zombies“, wie der andere von mir angesprochene Text aus diesem Milieu (auf dem Blog „Last Junkies On Earth“) schon vor einigen Wochen schrieb. Und gut können wir sein, weil wir Geld haben. Das „Fink“ erscheint in diesem Bild wie z.B. die Apotheke aus der ersten Episode des „The Walking Dead“-Spiels: Die letzten verbliebenen Menschen müssen sich verschanzen, weil die menschenfressenden Monster bereits an der Tür scharren. (Und mal davon abgesehen, Herr Guth: Das Wort „vermeintlich“ bedeutet „(irrtümlich, fälschlich) vermutet, angenommen; scheinbar“, also hier, dass es vor der Tür gar keinen Angstraum gibt. Wollten Sie das wirklich sagen? Genau. Setzen, sechs!)

Den Rest des Textes über bemüht Guth sich dann darum, den menschenverachtenden ersten Teil zu relativieren. Aber auch dabei macht er sich lächerlich, etwa, indem er die zitierten vernünftigen Aussagen des Quartiersmanagers dadurch ungültig macht, dass er behauptet, es gebe ständig Rückschritte. Oder wenn er das „Fink“ als „subkulturelles Gegengewicht“ bezeichnet. Nochmal: In dem Laden gab es Bier für drei Euro, Tatort-Abende und Indie-Konzerte; mehr Mehrheitskultur für Besserverdienende geht gar nicht. Die echten subkulturellen Orte in der Nordstadt – den „Nordpol“ z.B., der auch im Quartier liegt und deutlich besser damit zurecht kommt, weil er sich um ein integratives Konzept bemüht und nicht profitorientiert arbeitet – kennt Guth wahrscheinlich nicht einmal.

Der mediale Aufschrei über die Schließung eines stinknormalen kommerziellen Ladens wie dem „Fink“ bei gleichzeitiger Ignoranz des tatsächlich stattfindenden sozialen und subkulturellen Aktivismus in der Nordstadt – es ist schon ein Jammer, symptomatisch für eine brutale Klassengesellschaft, in der Vereinzelung und Konkurrenzdruck dafür sorgen, dass Menschen wie Felix Guth Armut und ihre Symptome nur noch als ekelige Gefahr wahrnehmen können. Weshalb sein Schluss dann wie eine Drohung wirkt: „Wie es hier wirklich läuft, kann ganz sicher ein einziger Abend nicht zeigen. Aber er überzeugt mich davon, mich nicht damit abfinden zu wollen, dass alles bergab geht.“


1 Antwort auf „Zur Schließung des „Salon Fink“ und einer typischen Reaktion darauf“


  1. 1 senf 27. November 2016 um 18:52 Uhr

    Dabei ist es in dieser und ähnlichen Situationen eigentlich relativ simpel. Wenn man keine Lust auf die Nordstadt hat, braucht man einfach nicht hingehen/fahren und fertig.

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