Archiv für März 2013

Schwein gehabt. Mike Krüger und die westliche Welt

Dieser Beitrag wurde vor drei Jahren auf der Toilette der ehemaligen Redaktion GAWKER gefunden. Nach der Säuberung von diversen anzüglichen Schmierereien am Rande wird er nun dem Blogsport-Archiv übergeben.

Schwein gehabt. Mike Krüger und die westliche Welt

Als Kämpfer für Zivilisation und Freiheit ist Mike Krüger selten gewürdigt worden. Aber warum? Ist dem bekannten Barden nicht bereits an der Nasenspitze anzusehen, für welche Sache er einsteht? Viele Menschen sagen: nein. Aber viele Menschen haben Unrecht, sind dumm und kaufen bei OBI. Anstatt sich einmal Rat zu holen, wie man den Nippel richtig durch die Lasche zieht, gehen sie den Pfad der verhetzten Barbaren. Was Krüger dazu zu sagen hat, soll eine kritische Analyse eines der strahlendsten Werke seines Oeuvres zeigen: des Liedes „120 Schweine nach Beirut“.

In diesem durch musikalische Einflüsse aus dem freien Westen schon ganz eindeutig positionierten Kleinod versetzt Krüger sich in die Lage eines aufrichtigen deutschen Arbeiters, der von seinem Vorgesetzten, einem typisch deutschen Menschenschinder, in die unangenehme Lage versetzt wird, 120 Schweine nach Beirut zu bringen:

Ich fahr so gerne LKW, bei Tag und auch bei Nacht,
doch jetzt gab mir mein Boss diese seltsame Fracht.
In Deutschland fuhr ich Heizöl und manchmal auch Beton,
doch dann wollt ich ins Ausland fahr‘n, das hab ich nun davon.

Krügers LKW-Fahrer ist Hedonist, kennt aber – ganz der marxschen Dialektik verpflichtet – sowohl die Gefahren des dezidiert nahöstlichen Auslands als auch die betonköpfige Engstirnigkeit seines deutschen Gefängnisses und reflektiert darüber: Das hat er nun davon. Und das ist es, was er davon hat:

Ja, mein Bruder ist Beamter, der hat’s gut,
denn ich fahr 120 Schweine nach Beirut.

Der einfache Mann, der eben kein Beamter ist, wird von seinem Vorgesetzten nach Beirut geschickt; als autoritärer deutscher Charakter fügt er sich in sein Schicksal:

Ja, ich fahr 120 Schweine nach Beirut,
es ist schon toll, was man für Kohle alles tut.
Nachts fahr ich bei Kälte und am Tag fahr ich bei Glut,
ja ich fahr 120 Schweine nach Beirut.

Mühen scheut er dabei keine: „Es ist schon toll, was man für Kohle alles tut“ – Krüger weiß um die Brutalität des ganzen Falschen, er hat das System durchdrungen, ist Teil der Totalität, ein Barde des Systems, ein Barde der Kritik: „Ja, ich fahre 120 Schweine nach Beirut“, mitten hinein in die Fratze des Antisemiten, an die Front der Demokratie, jener janusköpfigen Schönen, die zu verteidigen auch der deutsche Lastwagenfahrer stets die Pflicht hat, soll nicht Terror und Chaos von Osten her den Planeten regieren. Doch zunächst geht es auf den Rastplatz:

Am Rastplatz stand ne Tramperin, die wollte nach Madrid,
und weil das auf der Strecke lag, nahm ich sie eben mit.
Wenn die jetzt bloß den Mief nicht riecht, hab ich bei mir gehofft,
doch sie hält sich die Nase zu und fragt „hast du das oft?
Musst du mal eben raus, ist dir nicht gut?“
Ich sage „nein, ich fahr nur Schweine nach Beirut.“

Aber weil er Schweine nach Beirut fährt, scheitert die Beziehung; sie hat angesichts der prekären Fracht und des Fahrtziels, das in einem Akt von mutiger Avantgarde in die Nähe von Madrid gerückt wird – eine Anspielung auf den Franco-Faschismus? Auf den spanischen Bürgerkrieg? Auf beides! –, keine Chance. Ja, schlimmer noch: der Gestank der Lohnarbeit überträgt sich auf unseren wackeren LKW-Fahrer, und Krüger wäre nicht Krüger, wenn er diese menschliche und immer aber auch politische Katastrophe nicht gekonnt in Reime gießen würde: „Wenn die jetzt bloß den Mief nicht riecht, hab ich bei mir gehofft / doch sie hält sich die Nase zu und fragt: ‚Hast du das oft?‘“

Selten wurde die bürgerliche romantische Zweierbeziehung radikaler kritisiert als in diesem Vers. Die brutale Geschlechterdichotomie aus „die“, „ich“ und aber einem ganz emanzipierten „sie“ in Verbindung mit 120 rosaroten Säugetieren zeigt deutlich, dass es Krüger nicht nur um Mann und Frau, sondern auch um das Tier geht, das keine Rechte besitzt, nicht nur in diesem Bereich, sondern generell: ein Skandal. Und so bleibt der Fahrer einsam.

Auf einmal platzt ein Reifen, ich fahr an die Seite ran,
ich zerre am Reserverad, da grinst so‘n Schwein mich an.
Dann bricht auch noch mein Wagenheber und ich flieg in’s Gras,
und 120 Schweine machen sich vor Lachen nass.
Da sagte ich zu mir nur jetzt ruhig Blut,
du bringst die 120 Schweine nach Beirut.

Die Rache der Schweine ist ihm gewiss, denn er ist nicht nur als Arbeiter, sondern als Subjekt ganz in der kapitalistischen Totalität gefangen, die nur dann aufgebrochen werden kann, wenn so ein Schwein ihn angrinst: als subversiver künstlerischer Akt vielleicht, als Ausdruck des gebrochenen Ichs in einer Welt aus depersonalisierten Maskenträgern, die nichts anderes im Sinn haben, als Schweine nach Beirut zu bringen – im übertragenen Sinne. Krüger weiß, was er tut.

Nach 88 Stunden, da kam ich endlich an,
und fahre auf den Schlachthof, gleich an die Rampe ran.

Und doch ist nichts an diesem Werk so gewaltig wie seine letzte Strophe. Nach 88 (sic!) Stunden erreicht Krügers pflichtbewusster Fahrer den Schlachthof mit der Rampe. Der Nationalsozialismus, er lebt, und er lebt nicht irgendwo, sondern in Beirut, und er lebt nicht irgendwie, sondern er lebt, weil der deutsche Fahrer den Befehl seines Vorgesetzten ohne zu murren ausgeführt hat. Und ihn immer wieder ausführt. Weil er es muss, weil er total ist, total gefangen im Netz einer Gesellschaft, die zerfällt. Doch warum zerfällt sie? Auch darauf weiß Krüger eine Antwort:

Die machen meinen Laster auf und fangen an zu schreien:
„Du solltest bringen Schafe, wir hier nix essen Schwein!“
Ich sitze da und weine fast vor Glück,
jetzt fahr ich 120 Schweine auch zurück.

Krügers Islamkritik ist so epochal wie einfach: Weil der Moslem in seiner vormodernen Raserei nichts besses zu tun hat als statt Schweine Schafe zu essen, bricht der Deutsche zusammen, fügt sich in sein Schicksal, lässt sich unterjochen und weint gar vor Glück, denn was bleibt ihm auch anderes übrig als seinen Hedonismus, der ja bereits in der ersten Strophe anklang, erneut – und umso heftiger! – zu leben? Was bleibt ihm anderes übrig als zu lachen, zu singen, zu tanzen auf der Asche der freien Welt? Was soll er, ach, was kann er anderes tun als dem bärtigen Elend ins Gesicht zu spucken? Die Antwort sei dem Leser überlassen, Mike Krüger: auch.